Fülszöveg
Dr. Dr. E. G. Reichmann unternimmt es in diesem Buch, die Gründe zu untersuchen, die zur Katastrophe der deutschen Juden führten. Das Buch will nicht etwa die Geschichte des deutschen Antisemitismus oder der Hitlerschen Judenverfolgung darstellen. Es setzt die Tatsachen als bekannt voraus und befaßt sich im wesentlichen mit ihrer Analyse. Die Verfasserin, obwohl selbst ein Opfer der Verfolgung, enthält sich jeder Anklage. Sie betrachtet das Problem des nationalsozialistischen Antisemitismus nicht isoliert. Sie sieht den Antisemitismus als einen Sonderfall von Gruppenspannung und unterscheidet zwischen einer objektiven oder »echten« und einer subjektiven oder »unechten« Judenfrage. Sie geht der Entwicklung der jüdischen Gruppe in Deutschland seit ihrer Emanzipation nach und dem Zusammenwirken objektiver und subjektiver Ursachen in der Geschichte des deutschen Antisemitismus.
Sie sucht ferner die Wurzeln der im Nationalsozialismus zutage getretenen Entartung, die sie in gewissen...
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Fülszöveg
Dr. Dr. E. G. Reichmann unternimmt es in diesem Buch, die Gründe zu untersuchen, die zur Katastrophe der deutschen Juden führten. Das Buch will nicht etwa die Geschichte des deutschen Antisemitismus oder der Hitlerschen Judenverfolgung darstellen. Es setzt die Tatsachen als bekannt voraus und befaßt sich im wesentlichen mit ihrer Analyse. Die Verfasserin, obwohl selbst ein Opfer der Verfolgung, enthält sich jeder Anklage. Sie betrachtet das Problem des nationalsozialistischen Antisemitismus nicht isoliert. Sie sieht den Antisemitismus als einen Sonderfall von Gruppenspannung und unterscheidet zwischen einer objektiven oder »echten« und einer subjektiven oder »unechten« Judenfrage. Sie geht der Entwicklung der jüdischen Gruppe in Deutschland seit ihrer Emanzipation nach und dem Zusammenwirken objektiver und subjektiver Ursachen in der Geschichte des deutschen Antisemitismus.
Sie sucht ferner die Wurzeln der im Nationalsozialismus zutage getretenen Entartung, die sie in gewissen wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Erscheinungsformen des 19. und 20. Jahrhunderts findet.
Den besonderen Entwicklungsschwierigkeiten Deutschlands wie der späten und schnellen Industrialisierung, der verzögerten nationalen Einigung und der späten demokratischen Emanzipation wird ein umfangreicher Teil der Untersuchung gewidmet. Der Zusammenhang dieser allgemeinen Problematik mit der Entwicklung
der jüdischen Gruppe wird dargetan.
Dr. Reichmann stellt und verjjeint die Frage, ob eine geistesgeschichtliche Ableitung des Nationalsozialismus zulässig ist. Indem er die müden und enttäuschten Massen mit der Irrlehre von der rassischen Überlegenheit beschenkte, ließ der Nationalsozialismus die Gedrückten sich als Herren der Welt fühlen. Indem sie die Juden als Opfer nur mühsam im Zaum gehaltener Angriffstriebe darbot, ermöglichte die Hitlersche Propaganda eine Massenflucht in den Haß. Es ist eines der Ergebnisse der Untersuchung, daß der Antisemitismus ein unter den gegebenen Umständen besonders wirksames Ventil der Massenaggression war. In letzter Analyse aber hätte er durch andere Antisymbole ersetzt werden können. Diese Einsicht mildert weder die Furchtbarkeit des Geschehens, noch die Verantwortung derer, die sich schuldig gemacht haben. Die Bedeutung dieser Erkenntnis liegt vielmehr darin, daß sie gestattet, den Kern der deutschen Judenkatastrophe zu erkennen. Nicht, weil Juden Juden waren und sich in dem und jenem von ihrer Umwelt unterschieden, wurde ihre Vernichtung beschlossen und vollzogen, sondern weil Menschen, statt Duldung zu üben, der Sucht nachgaben, sich über andere zu erheben und an einem unverstandenen Schicksal Rache zu nehmen.
Europäische Verlagsanstalt
Dr. Dr. Eva G. Reichmann ist Leiterin der Forschungsabteilung der Wiener Library, London. Diese nach ihrem Gründer und Direktor, Dr. Alfred Wiener, genannte Bibliothek, dient dem Studium der zeitgenössischen Geschichte Mitteleuropas, besonders der Entstehung und Entwicklung des Nationalsozialismus und Faschismus sowie von Minderheitenfragen. Eva G. Reichmann hatte sich schon während ihrer soziologischen und nationalökonomischen Studien in Berlin, München und Heidelberg mit der Strukturanalyse sozialer Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts befaßt. Die Ergebnisse sind in ihrer Heidelberger Dissertation »Spontaneität und Ideologie als Faktoren der modernen sozialen Bewegungen« niedergelegt, die vor dem Auftreten des Nationalsozialismus als Massenpartei auf Entwicklungstendenzen hinweist, die später Gestalt annahmen.
Eva G. Reichmann hatte im jüdischen Leben Deutschlands als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine führende Rolle gespielt und in kulturpolitischen Zeitschriften die Sache der deutschen Juden gegen die Wortführer eines sogenannten »wissenschaftlichen Antisemitismus« vertreten. Bis 1938 lag ihr neben praktischen Aufgaben zur Stützung ihrer bedrohten Gemeinschaft die Leitung der Monatsschrift »Der Morgen« in Berlin ob, deren Bände ein Zeugnis geistiger und moralischer Bewährung in der Zeit täglicher Bedrohung darstellen.
Nach ihrer Auswanderung nach England setzte Eva G. Reichmann ihre soziologischen Studien an der Universität London fort und erwarb mit einer Arbeit über die sozialen Ursachen des nationalsozialistischen Antisemitismus den englischen philosophischen Doktorgrad.
Das vorliegende Buch erschien in England und Amerika unter d^m Titel »Hostages of Civilisation«. Die akademische Kritik hät es als eine der besten wissenschaftlichen Analysen des Nationalsozialismus bezeichnet. So schreibt der englische Historiker Professor Dr. G. P. Gooch, einer der hervorragendsten Kenner der modernen deutschen Geschichte: »Ich bin tief be-dndruckt nicht nur von dem großen Wissen, das in dem Buch verarbeitet ist, sondern von der philosophischen Betrachtungsweise eines Problems, das das politische, soziale und geistige Leben der letzten hundert Jahre an vielen Punkten berührt. Es ist eine außergewöhnlich gedankenreiche und anregende Arbeit.«
Vissza