Fülszöveg
Selbstbildnis mit Palette, um 1878
„Mögen unsere Moden noch so sehr verahen, aus Manets Lebenswerk wird der Duft ewiger Jugend und einer hinreißenden Erregung strömen. Seine Methode beschreiben oder untersuchen wollen, wäre ein kindisches Unterfangen, um so kindischer, als er nur die eine hatte, die ihm seine Sensationen eingaben. Er ließ die Dinge auf sich wirken, und hatte nicht die Überhebung, auf die Dinge wirken zu wollen. Niemals hat er sich gesagt: Ich will Impressionist. Naturalist, Modernist sein. Und doch war er mehr Impressionist, mehr Naturalist, mehr Modernist, als irgendeiner seiner Zeitgenossen, weil sein Geist durch keinerlei auf Systeme beruhende Vorurteile oder durch vorgefaßte Theorien getrübt war.
Die Beobachtung war bei ihm völlig uneigennützig: er war unparteiisch. Er malte, was er sah, weil er es sah. Und da sein Auge wunderbar begabt war, so übersetzte seine Hand diese Vision in der richtigsten, geeignetsten und ausdrucksvollsten Weise, mit einer...
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Fülszöveg
Selbstbildnis mit Palette, um 1878
„Mögen unsere Moden noch so sehr verahen, aus Manets Lebenswerk wird der Duft ewiger Jugend und einer hinreißenden Erregung strömen. Seine Methode beschreiben oder untersuchen wollen, wäre ein kindisches Unterfangen, um so kindischer, als er nur die eine hatte, die ihm seine Sensationen eingaben. Er ließ die Dinge auf sich wirken, und hatte nicht die Überhebung, auf die Dinge wirken zu wollen. Niemals hat er sich gesagt: Ich will Impressionist. Naturalist, Modernist sein. Und doch war er mehr Impressionist, mehr Naturalist, mehr Modernist, als irgendeiner seiner Zeitgenossen, weil sein Geist durch keinerlei auf Systeme beruhende Vorurteile oder durch vorgefaßte Theorien getrübt war.
Die Beobachtung war bei ihm völlig uneigennützig: er war unparteiisch. Er malte, was er sah, weil er es sah. Und da sein Auge wunderbar begabt war, so übersetzte seine Hand diese Vision in der richtigsten, geeignetsten und ausdrucksvollsten Weise, mit einer Ehrlichkeit und einer Kühnheit, die den oberflächlichen Beschauer außer Fassung brachte und ihn glauben ließ, daß er, unter der Bestimmtheit und Klarheit seines Stiftes oder Pinselstrichs, Ausgeklügeltes verberge und sich Virtuosenkunststücke und beabsichtigte Kraftproben erlaube. Manet gehörte zur Rasse jener leuchtenden, gesunden Genies, die seit dem XIII. Jahrhundert die französische Kunst durch die Geradheit ihres Geistes und die kraftvolle und tapfere Ehrlichkeit ihres Handwerkes zu einer solchen Höhe erhoben haben. Es ist oft gesagt worden, daß sein großes Verdienst um die Kunst darin bestände, daß er die Palette des Malers aufgehellt habe, daß er leuchtende, strahlende Helligkeit auch in die Teile brachte, die sich bis jetzt im Dunkel verloren hatten, oder durch unnütze Halbtöne beschwert worden waren. Dieses Verdienst erreichte er, indem er aufmerksam das Spiel des Lichts und die Beziehungen der Valeurs beobachtete. Seine Freude am Malen war so groß, daß vor jedem sich ihm darbietenden Schauspiel, ganz gleich, ob es ein Stilleben, ein lebendes Wesen oder eine Landschaft war, er ganz instinktiv die Wahrheit suchte, indem er den Gegenstand aus allem Komplizierten und Beschwerenden herausschälte."
Antonin Proust in seinen ,,Erinnerungen" über Manet
Bild auf der Vorderseite des Schutzumschlages: Das Atelier von Claude Manet 82x100 cm, 1874 ¦ München, Neue Staatsgalerie
Vissza