Fülszöveg
In den „Falschmünzern" nennt André Gide das Tagebuch „den Spiegel, den ich stets mit mir führe. Was mir auch begegnet: es gewinnt seine wahre Existenz für mich erst, wenn ich es da gespiegelt sehe." So auch in den hier zusammengefaßten Tagebüchern aus den Jahren 1939 bis 1949. Sie stellen den vierten Band der vollständigen Ausgabe von André Gides Tagebüchern dar und sind zum größten Teil erstmals in deutscher Sprache publiziert. Ein großes literarisches Selbstzeugnis liegt damit abgeschlossen vor.
Gerade in den Krisenzeiten seines Lebens äußerte sich Gides Neigung zum Dialog, zur Zwiesprache, zur Auseinandersetzung mit sich selbst am stärksten. Die Niederlage Frankreichs, die Kollaborationsregierung und das Kriegsgeschehen, in das er in Tunis unmittelbar hineingeriet, stürzten ihn in tiefe Depression. Manchmal fühlte er sich am Ende seiner Kraft und bis zur Verzweiflung gealtert. Das Schreiben band ihn wieder ans Leben: am Schreibtisch genoß er etwas wie Glück. So entstanden,...
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Fülszöveg
In den „Falschmünzern" nennt André Gide das Tagebuch „den Spiegel, den ich stets mit mir führe. Was mir auch begegnet: es gewinnt seine wahre Existenz für mich erst, wenn ich es da gespiegelt sehe." So auch in den hier zusammengefaßten Tagebüchern aus den Jahren 1939 bis 1949. Sie stellen den vierten Band der vollständigen Ausgabe von André Gides Tagebüchern dar und sind zum größten Teil erstmals in deutscher Sprache publiziert. Ein großes literarisches Selbstzeugnis liegt damit abgeschlossen vor.
Gerade in den Krisenzeiten seines Lebens äußerte sich Gides Neigung zum Dialog, zur Zwiesprache, zur Auseinandersetzung mit sich selbst am stärksten. Die Niederlage Frankreichs, die Kollaborationsregierung und das Kriegsgeschehen, in das er in Tunis unmittelbar hineingeriet, stürzten ihn in tiefe Depression. Manchmal fühlte er sich am Ende seiner Kraft und bis zur Verzweiflung gealtert. Das Schreiben band ihn wieder ans Leben: am Schreibtisch genoß er etwas wie Glück. So entstanden, unregelmäßig, mit langen Pausen, diese Eintragungen; in Südfrankreich, nach dem Zusammenbruch, wo er auf zahlreiche Freunde stieß: André Malraux, Jean-Louis Barrault, Paul Valéry, und später ab 1942 in Tunis, wo er die deutsche Besetzung und den Einzug der Alliierten erlebte. Die folgenden Jahre verbrachte er meist
auf Reisen in Nordafrika; er war nie seßhaft gewesen, sein ganzes Leben lang zog er das Abenteuer der Bequemlichkeit und Ruhe vor.
Neugierde und Wissensdrang ließen bei ihm auch im Alter nicht nach. Obwohl ihn seine körperliche Gebrechlichkeit behinderte, obwohl ihm der Gedanke an den Tod sehr vertraut war, erwartete er doch neue Anregungen und Eindrücke von jedem Tag. Den vielfältigen Äußerungen des Lebens gehörte immer noch sein ganzes Interesse, immer noch beherrschte ihn die leidenschaftliche Suche nach Wahrheit. Man erstaunt, mit welchem Gerechtigkeitssinn und welcher Toleranz er unter jenen Umständen über die Deutschen urteilt. Er will seine Gegner verstehen und nicht bekämpfen. In den düsteren Monaten, als die deutschen Armeen Frankreich überschwemmten, widmete er sich erneut deutscher Lektüre, erkannte Goethe als seinen geistigen Führer, lernte Deutsch.
André Gide blieb ein unermüdlich Lesender und Lernender, der den Kampf gegen die physische und intellektuelle Trägheit niemals aufgab. Als Siebzigjähriger trägt er in sein Tagebuch ein, daß er sidhi nur „handelnd und gespannt" gefalle. „ Gespannt worauf? Nun, einfach auf die Entwicklung meiner selbst."
DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT
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