Fülszöveg
DAS SGRAFFITO „ST. LEOPOLD VON GERSTHOF" EIN GEISTIGES GLIED MEINES KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENS
Eine Selbstdarstellung von Ernst Degasperi
Die Idee als Anliegen zu Papier zu bringen, bedeutet nicints anderes als die Dimension jenseits von Raum und Zeit auf eine Fläche zu bannen, Geistigkeiten, die jenseits des Buchstabenwortes als Logos stehen, sichtbare Symbolik zu geben.
In diesem schöpferischen Prozeß wird die Räumlichkeit, in der wir leben, bewußt übersprungen, um den Betrachter, der sich über die Darstellung in der Fläche erhaben fühlt, nicht zu erdrücken, wie dies vielfach durch monumentale Plastiken von Heiligen geschieht.
Das expressive Element in meiner Kunst hierzu ist die Linie, geboren aus den wilden Maserungen der hochalplnen Wurzelslöcke.
Diese Lebenskampflinien, geformt durch geballte Kräfte der Natur, führten von der ursprünglichen Pinselzeichnung einerseits zur subtilen Federzeichnung, andererseits zur in den Mauerputz geschnittenen Linie — zum Sgraffito.
Kraft...
Tovább
Fülszöveg
DAS SGRAFFITO „ST. LEOPOLD VON GERSTHOF" EIN GEISTIGES GLIED MEINES KÜNSTLERISCHEN SCHAFFENS
Eine Selbstdarstellung von Ernst Degasperi
Die Idee als Anliegen zu Papier zu bringen, bedeutet nicints anderes als die Dimension jenseits von Raum und Zeit auf eine Fläche zu bannen, Geistigkeiten, die jenseits des Buchstabenwortes als Logos stehen, sichtbare Symbolik zu geben.
In diesem schöpferischen Prozeß wird die Räumlichkeit, in der wir leben, bewußt übersprungen, um den Betrachter, der sich über die Darstellung in der Fläche erhaben fühlt, nicht zu erdrücken, wie dies vielfach durch monumentale Plastiken von Heiligen geschieht.
Das expressive Element in meiner Kunst hierzu ist die Linie, geboren aus den wilden Maserungen der hochalplnen Wurzelslöcke.
Diese Lebenskampflinien, geformt durch geballte Kräfte der Natur, führten von der ursprünglichen Pinselzeichnung einerseits zur subtilen Federzeichnung, andererseits zur in den Mauerputz geschnittenen Linie — zum Sgraffito.
Kraft des brennenden Anliegens, die Heilige Schrift mit dem Heute zu konfrontieren und so eine „Biblia pauperum" für „Analphabeten der Herzen", wie eine Kunstkritikerin die Werke bezeichnete, zu schaffen, entstanden meine Zyklen, angeführt von der APOKALYPSE 1963. Ich erlebte das Phänomen, daß das gezeichnete Wort Gottes wegen seiner vielschichtigen Interpretierbarkeit mehr die Menschen eint als der Buchstabe, der ja oft, wie Jesus sagt, tötet. SONNENGESANG 1972, das erste Sgraffito, entstand in Puchberg am Schneeberg an der Mauer des Pfarrhofes gegenüber dem Kirchenportal. Diesem folgte in der Wiener Alserkirche, 1973, die PATER KOLBE-KAPELLE zu Ehren des damals Seliggesprochenen — meine erste große Arbeit als Beitrag für die Bewältigung der fürchterlichen NS-Zeit durch Liebe. Dem Anliegen des weltweiten Friedens dient das 1977 zum 700-jährigen Stadtjubiläum von Eggenburg im Verlauf der Stadtmauer entstandene Sgraffito TURM DES FRIEDENS (Judentum, Christentum, Islam). 1979 entstanden die Sgraffiti STÄRKER ALS DER TOD und VERKLÄRUNG an der Stadtpfarrkirche von Eggenburg — ein Denkmal für alle jene, die in der NS-Zeit, unter Einsatz ihres Lebens, verfolgten Juden, Christen und Atheisten das Leben gerettet haben. Diesen Sgraffiti folgte 1981 mein größtes Werk: die Aufbahrungshalle in Retz, Niederösterreich, HALLE DES LICHTS (150 m^).
Im folgenden Jahr 1982 entstand dann die Sgraffito-Hauskapelle vor dem HAUS DES FRIEDENS in Eggenburg, zum Gedächtnis des ersten Märtyrers der Kirche, St. Stephanus, und des damals letzten heiliggesprochenen Märtyrers der Kirche PATER KOLBE, alles Voraussetzungen für das vom 11. bis 15. November 1983 mit der Assistenz des deutschen Künstlers Reinmar Senftieben entstandene Raum-Sgraffito ST. LEOPOLD im Gemeindezentrum Gersthof in Wien — der heilige Leopold als Lebensbild für Pfarre und Familie.
Es war für mich ein dramatischer Auftrag inmitten ruheloser Zeit, ein Manifest der Liebe zur Familie in die Mauern des Gemeindezentrums schneiden zu dürfen; unserer weltraumerobernden, aber auch oft familienzerstörenden Zeit ein weiteres Symbol der Liebe, wie die Kirche ja viele anzubieten hat, zu vermitteln: St. Leopold als Schutzpatron der Kirche, die Familie in seinem Schutzmantel geborgen.
Diese Darstellung fand 1986 an der Pfarrkirche St. Florian am Inn, Oberösterreich, eine künstlerische Fortsetzung im Schutzmantelsgraffito IMMACULATA: Auferstehung der Toten im Glauben „Durch Maria zu Jesus".
Weitere Sgraffiti entstanden in Klosterneuburg an Wohnhäusern und in Wien an Wohnhausanlagen im 17. Bezirk, Lacknergasse 51, und Im 20 Bezirk, Brigittagasse 9. Aber Gersthof hat neben dem Kirchenpatron noch einen „Heiligen Märtyrer" unserer Tage: Kaplan DDr. Heinrich Maier - ein Bollwerk gegen den Ungeist des Nationalsozialismus. 1944 wurde er unmittelbar nach der hl. Messe von der Gestapo verhaftet, in Mauthausen gefoltert und schießlich am 22. März 1945 als einer der letzten im Wiener Landesgericht geköpft. Er starb mit den Worten „ES LEBE CHRISTUS DER KÖNIG! ES LEBE ÖSTERREICH!" Diesem Heroen apokalyptischer Untergangstage ist der Band GERSTHOFER AUFERSTEHUNG mit Zeichnungen und Texten, auch aus meiner Hand, gewidmet und zuletzt entstand 1988 die Gedenktafel an seinen Märtyrertod an der Außenmauer des Gersthofer Pfarrhauses am Bischof Faber-Platz 7.
Dieses kontinuierliche Wirken für und in der Pfarre Gersthof empfinde ich als Auftrag im Dienste zur höheren Ehre Gottes. Wien, den 28.01. 1989.
Vissza